Das Licht im Fenster

Eine winterliche Kurzgeschichte

Als Katharina das Licht zum ersten Mal sah, hielt sie es für eine Spiegelung. Seit dem Nachmittag schneite es, und inzwischen waren die Dächer des kleinen Ortes unter einer dicken weißen Schicht verschwunden. Sie kam vom Einkaufen, die Taschen schnitten ihr in die Finger, und eigentlich wollte sie nur noch nach Hause. Doch oben am Waldrand, hinter den kahlen Ästen der Buchen, leuchtete eines der Fenster des alten Forsthauses. Katharina blieb stehen. Das Gebäude war seit fast zwanzig Jahren unbewohnt. Nach dem Tod des Revierförsters hatte niemand mehr dort gelebt, und mittlerweile war das Dach an mehreren Stellen beschädigt. Sie kannte das Haus aus ihrer Kindheit. Ihr Vater hatte sie manchmal mitgenommen, wenn er seinen Kollegen besuchte. Sie erinnerte sich an den großen Kachelofen, den Geruch nach Holz und die schweren Stiefel, die immer neben der Eingangstür gestanden hatten. Jetzt schimmerte hinter einem der Erdgeschossfenster ein gelbliches Licht. Vielleicht hatten Jugendliche das Haus entdeckt, oder jemand suchte bei diesem Wetter einen Schlafplatz. Sie ging weiter, drehte sich an der nächsten Straßenlaterne aber noch einmal um. Das Fenster war dunkel. Zu Hause stellte sie die Einkäufe ab, kochte sich Tee und zog die Vorhänge zu. Erst später, als sie noch einmal nach draußen sah, entdeckte sie den Lichtschein erneut. Diesmal bewegte sich etwas dahinter. Eine Gestalt trat vor das Fenster, blieb einen Augenblick stehen und verschwand wieder im Inneren des Hauses. Katharina fotografierte das Forsthaus mit ihrem Handy und schickte das Bild an ihren Bruder. Weißt du, ob jemand das Forsthaus gekauft hat? Seine Antwort kam wenige Minuten später. Nein. Warum? Da brennt Licht. Dann ruf die Polizei. Sie legte das Telefon beiseite. Wegen einer Lampe in einem verlassenen Haus wollte sie keinen Polizeieinsatz auslösen. Wenn tatsächlich jemand dort übernachtete, würde er bei diesen Temperaturen vermutlich froh über ein Dach über dem Kopf sein. Trotzdem schaute sie noch mehrmals zum Waldrand hinauf, bevor sie ins Bett ging.

Am nächsten Morgen war das Licht verschwunden. Katharina hatte schlecht geschlafen und beschloss, sich das Haus bei Tageslicht anzusehen. Der Schnee lag inzwischen so hoch, dass sie auf dem Weg zum Waldrand immer wieder einsank. Vor dem Forsthaus betrachtete sie die Fläche zwischen Gartentor und Eingangstür. Keine Fußspuren, keine Reifenspuren. Auf den drei Steinstufen lag der Schnee genauso gleichmäßig wie auf dem verwilderten Gartenweg. Sie ging zum Fenster und wischte mit dem Ärmel über die schmutzige Scheibe. Im Inneren erkannte sie den alten Kachelofen und ein paar Möbelstücke, die unter weißen Tüchern standen. Von einer Lampe war nichts zu sehen. Auch eine Kerze hätte sie bemerkt. Sie wechselte zum zweiten Fenster, doch von dort konnte sie nur einen Teil des Flurs erkennen. „Suchen Sie etwas?“ Katharina drehte sich um. Zwischen den Fichten stand ein älterer Mann in einer dunklen Winterjacke. Seine Wollmütze saß tief in der Stirn, darunter schauten graue Haare hervor. „Ich habe gestern Abend Licht im Haus gesehen“, erklärte sie. „Ich dachte, vielleicht ist jemand drin.“ Der Mann betrachtete das Fenster. „Hier wohnt schon lange keiner mehr.“ „Das weiß ich. Aber irgendjemand muss doch dort gewesen sein.“ „Vielleicht haben Sie sich getäuscht.“ Katharina musterte ihn. Über seiner linken Augenbraue verlief eine schmale, helle Narbe. Sein Gesicht kam ihr bekannt vor, aber sie wusste nicht, woher. „Wohnen Sie hier in der Gegend?“ „Früher einmal.“ „Dann kennen Sie das Haus bestimmt.“ „Ja, das kenne ich.“ Mehr schien er dazu nicht sagen zu wollen. Er zog die Mütze etwas tiefer und ging zwischen den Bäumen hindurch. Katharina sah ihm nach, bis er hinter den Fichten verschwunden war. Auf dem Rückweg ärgerte sie sich über ihren Ausflug. Sie war wegen eines Lichtscheins durch den Schnee gestapft und hatte nichts herausgefunden. Am Nachmittag rief ihr Bruder an. Er hatte sich erkundigt: Das Forsthaus gehörte noch immer der Familie Reuter und sollte im Frühjahr abgerissen werden. Katharina erzählte ihm von dem Mann im Wald und beschrieb sein Aussehen. „Über der linken Augenbraue hatte er eine Narbe“, sagte sie. „Auf welcher Seite?“ „Links. Warum?“ „Der alte Reuter hatte so eine Narbe.“ Katharina lachte. „Du glaubst doch nicht, dass ich einem Toten begegnet bin.“ „Nein. Aber vielleicht war es ein Verwandter. Die Familie war ziemlich groß.“ Damit war das Gespräch für ihren Bruder offenbar erledigt. Katharina dagegen dachte noch eine ganze Weile über die Begegnung nach.

Am Abend holte Katharina die alte Fotokiste vom Dachboden. Zwischen vergilbten Urlaubsbildern und Aufnahmen von Familienfeiern fand sie schließlich ein Foto vom Forsthaus. Sie saß darauf als kleines Mädchen auf der Bank vor der Eingangstür. Neben ihr stand Herr Reuter, die Hände in den Taschen seiner dunklen Jacke. Katharina hielt das Bild näher an die Lampe. Die Narbe über seiner linken Augenbraue war deutlich zu erkennen. Auch die dunkle Jacke kam ihr bekannt vor. Sie verglich das Gesicht auf dem Foto mit dem Mann, den sie am Morgen gesehen hatte. Selbst wenn es sich um einen Verwandten handelte, war die Ähnlichkeit erstaunlich. Sie drehte das Foto um. Ihre Mutter hatte das Datum auf die Rückseite geschrieben. Dezember 1991. Katharina bei Herrn Reuter. Darunter stand noch etwas, in einer kleineren Schrift. Am Tag, bevor Miriam verschwand. Katharina kannte keine Miriam. Jedenfalls konnte sie sich an kein Mädchen dieses Namens erinnern. Sie betrachtete das Foto erneut. Ganz am rechten Bildrand erkannte sie einen roten Mantel und eine kleine Hand, die auf ihrer Schulter lag. Offenbar hatte ihr Vater die zweite Person beim Fotografieren beinahe abgeschnitten. Sie griff nach ihrem Telefon. „Wer war Miriam?“, fragte sie ihren Bruder, sobald er abgenommen hatte. „Welche Miriam?“ „Auf einem alten Foto steht ihr Name. Wir waren zusammen beim Förster.“ „Hast du das Foto noch?“ „Ich halte es gerade in der Hand.“ „Miriam war deine beste Freundin. Ihr wart damals kaum voneinander zu trennen.“ „Und dann ist sie verschwunden?“ „Ja. Man hat wochenlang nach ihr gesucht. Im Wald, am Bach, sogar im alten Steinbruch.“ „Warum weiß ich davon nichts?“ „Du hast nach ihrem Verschwinden aufgehört, von ihr zu sprechen. Wenn Mutter dich nach Miriam gefragt hat, hast du behauptet, du würdest sie nicht kennen.“ Katharina sah auf das Foto. Sie war damals sieben gewesen. An ihre Einschulung konnte sie sich erinnern, an den ersten Schultag und an das Fahrrad, das sie zu Weihnachten bekommen hatte. Aber von Miriam wusste sie nichts. „Hat man Herrn Reuter damals verdächtigt?“ „Die Polizei hat mit jedem gesprochen, der die Kinder kannte.“ „Und was hat er gesagt?“ „Das weiß ich nicht mehr. Katharina, es ist fünfunddreißig Jahre her.“ Sie beendeten das Gespräch. Katharina blieb mit dem Foto am Küchentisch sitzen. Sie versuchte sich an das Mädchen zu erinnern, an gemeinsame Spiele oder wenigstens an ihre Stimme. Aber der Name blieb ihr fremd. Draußen hatte es wieder zu schneien begonnen. Als Katharina aufstand, um die Vorhänge zuzuziehen, sah sie das Licht. Im Forsthaus brannten diesmal zwei Fenster. Sie trat näher an die Scheibe. Im Erdgeschoss stand ein kleines Mädchen in einem roten Mantel. Katharina konnte das Gesicht nicht erkennen, doch die Gestalt schien direkt zu ihr hinunterzusehen. Sie hob die Hand. Das Mädchen tat dasselbe. Hinter ihm erschien ein Mann. Er legte eine Hand auf die Schulter des Kindes und führte es vom Fenster weg. Kurz darauf erlosch das Licht. Katharina ging zurück zum Küchentisch und nahm das Foto noch einmal zur Hand. Sie betrachtete den roten Mantel, die kleine Hand und schließlich ihr eigenes Gesicht. Etwas an der Haltung der beiden Mädchen fiel ihr auf. Miriam hatte ihre Hand nicht auf Katharinas Schulter gelegt, um sich festzuhalten. Sie versuchte, Katharina von sich wegzuschieben. Und Katharina lächelte.