Das Mädchen im brennenden Haus

Seit ihrer Kindheit fürchtete sie Feuer. Schon der Geruch eines erloschenen Streichholzes genügte, damit sie ein Fenster öffnen musste.

An diesem Abend fiel dichter Schnee, als ihr Wagen mitten im Wald stehen blieb. Zweimal drehte sie den Zündschlüssel, doch der Motor sprang nicht mehr an. Ihr Handy hatte keinen Empfang. Sie blieb eine Weile sitzen und hoffte auf vorbeifahrende Autos.

Zwischen den Bäumen flackerte ein Feuerschein.

Sie stieg aus. Vielleicht war dort jemand, der ihr helfen konnte. Erst nach einigen Schritten erkannte sie die Flammen über einem Dach.

Ein Haus brannte.

Sie lief darauf zu, wurde aber langsamer, je näher sie kam. Die schwarze Haustür. Das Fenster im ersten Stock. Neben dem Eingang stand ein verkohlter Apfelbaum, dessen unterster Ast bis zum Boden hing.

Sie kannte dieses Haus.

Hier hatte ihre Schaukel gehangen. Auf den Stufen vor der Tür hatte ihre Mutter im Sommer Erbsen geschält.

Vor dreißig Jahren war es abgebrannt. Sie war damals darin gewesen.

Sie blieb stehen. Eine Schneeflocke schmolz auf ihrer Lippe. Die Hitze hätte längst ihr Gesicht erreichen müssen, doch sie fror noch immer.

Hinter dem oberen Fenster bewegte sich etwas.

Ein kleines Mädchen stand zwischen den Flammen. Es trug ein gelbes Nachthemd und presste einen Stoffhasen an die Brust. Eines seiner Ohren fehlte.

Genau so einen Hasen hatte sie besessen.

Das Mädchen hob die Hand und schlug gegen die Scheibe. Sie hörte keinen Laut. Trotzdem wusste sie plötzlich wieder, wie es geklungen hatte.

Ihre kleine Schwester hatte damals am Fenster gestanden.

Daran hatte sie sich all die Jahre nicht erinnern können. Nur an den Feuerwehrmann, der sie über die Schulter gelegt hatte. An den Schnee, in dem sie später barfuß gestanden hatte. Ihre Mutter hatte immer wieder gefragt, wo die Kleine sei.

Jetzt sah sie auch die Schlafzimmertür wieder vor sich. Den Schlüssel in ihrer eigenen Hand. Sie hatte ihre Schwester eingesperrt, weil sie ihr nicht länger hinterherlaufen sollte.

„Ich hole dich gleich wieder raus“, hatte sie gesagt.

Vor ihr fiel ein Stück des brennenden Dachstuhls in die Tiefe.

Sie wollte zum Eingang laufen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht. Oben am Fenster ließ das Mädchen den Hasen fallen.

Etwas Kaltes schob sich in ihre Hand.

Hinter ihr sagte eine Kinderstimme: „Heute bleibst du bei mir.“

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