Die Glocke der Großmutter

„Firlefanz“, sagte meine Oma immer, wenn ich nach den Kreidezeichen über der Tür fragte. Nach dem Salz auf der Fensterbank. Nach der kleinen Glocke neben ihrem Bett.

Trotzdem erneuerte sie die Zeichen nach jedem Frühjahrsputz. Das Salz durfte ich beim Staubwischen nicht anrühren. Einmal hatte ich die Glocke zum Spielen mit nach draußen genommen. Oma war mir bis ans Gartentor nachgelaufen, in Hausschuhen, und hatte sie mir aus der Hand gerissen.

Damals hatte ich gelacht. Später fand ich ihre Gewohnheiten nur noch abstrus.

Nach ihrem Tod übernahm ich das Haus. Ich wischte die Kreide vom Türrahmen, saugte das Salz aus den Ritzen und legte die Glocke in den Nachttisch. Ihr Griff war blank von Omas Fingern.

In der ersten Nacht kratzte etwas an der Haustür.

Ich schaltete die Außenlampe ein. Durch die Scheibe sah ich die leeren Stufen und den Gartenweg. Am nächsten Morgen entdeckte ich feine Kerben im Holz, dicht über der Schwelle.

In der zweiten Nacht kam das Kratzen vom Fenster.

Mein Schlafzimmer lag im ersten Stock.

Ich blieb im Bett und lauschte. Es klang, als würde jemand mit einem Fingernagel langsam über das Glas fahren. Als ich endlich das Licht einschaltete, hörte es auf.

Am Morgen zog ich die Vorhänge zurück. Auf der Fensterbank lag eine dünne Spur Salz. Es war alles, was nach dem Putzen unter dem Rahmen zurückgeblieben war. In der Mitte war die Spur unterbrochen.

Heute wachte ich auf, weil etwas neben meinem Bett atmete.

Ich hielt die Augen geschlossen. Die Matratze gab am Rand nach. Ein Geruch nach feuchter Erde drang unter meine Decke.

Ich erinnerte mich an Omas Glocke.

Vorsichtig schob ich die Hand unter dem Kissen hervor. Bis zum Nachttisch waren es nur wenige Zentimeter. Ich tastete nach dem Schubladengriff.

Neben mir verstummte das Atmen.

„Suchst du deinen Schutz?“

Etwas Kaltes legte sich um mein Handgelenk. Ich riss die Augen auf, doch zwischen Bett und Nachttisch war niemand zu sehen. Trotzdem wurde der Griff fester.

Die Schublade stand offen.

Sie war leer.

Aus dem Kleiderschrank klingelte Omas Glocke.

Ganz langsam. Dreimal.

Der Griff um mein Handgelenk löste sich.

Ich zog die Hand unter die Decke und hörte, wie sich die Schranktür öffnete.

„Nicht antworten“, flüsterte etwas neben meinem Ohr.

Aus dem Schrank kam Omas Stimme.

„Kindchen? Komm, hilf mir mal.“

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