Nina hatte die Festplatte eigentlich nur wegen des günstigen Preises gekauft. Fünf Euro auf einem Flohmarkt, zwischen ausrangierten Handys und einer Kiste voller Ladekabel. Der Verkäufer, ein älterer Mann mit einer abgetragenen Lederjacke, hatte sie ihr beinahe aufgedrängt. „Funktioniert noch“, hatte er gesagt. „Muss nur formatiert werden.“
Zu Hause schloss Nina die Festplatte an ihren Laptop an. Sie wollte überprüfen, ob sich der Kauf gelohnt hatte, bevor sie sämtliche Dateien löschte. Es gab nur einen einzigen Ordner mit dem Namen „Romanze“. Darin befanden sich siebenundvierzig Fotos einer jungen Frau. Sie war vielleicht Mitte zwanzig, hatte dunkle Haare und ein schmales Gesicht. Auf manchen Bildern lächelte sie in die Kamera, auf anderen saß sie auf einem Sofa oder lag mit einer Decke im Bett. Auf jedem Foto hielt sie dasselbe Pokémon-Plüschtier im Arm.
Nina kannte die Figur nicht. Sie erinnerte entfernt an Pikachu, hatte aber ungewöhnlich lange Ohren und schwarze Knopfaugen. Der Stoff war an mehreren Stellen ausgeblichen. Die ersten Bilder wirkten harmlos. Doch je weiter Nina durch die Sammlung klickte, desto seltsamer wurden sie. Das Lächeln der Frau verschwand. Ihre Augen wirkten müde, auf einem Foto hatte sie dunkle Ringe darunter. Auf den letzten Bildern hielt sie das Plüschtier nicht mehr im Arm. Es saß neben ihr, immer näher an ihrem Gesicht.
Auf dem vorletzten Foto schlief die Frau. Das Plüschtier saß auf ihrem Kopfkissen. Nina öffnete die letzte Datei. Die Frau lag auf dem Rücken, die Augen weit geöffnet. Ihr Mund stand leicht offen. Das Pokémon saß auf ihrer Brust. Nina vergrößerte das Bild. Etwas stimmte mit dem Mund des Plüschtiers nicht. Zwischen den Stofflippen zeichneten sich winzige weiße Spitzen ab. Zähne.
Sie schloss die Bildanzeige. Aus dem Wohnzimmer kam ein leises Kichern. Nina hob den Kopf. Sie lebte allein. Der Fernseher war ausgeschaltet, und die Fenster hatte sie wegen der Kälte geschlossen. Wieder dieses Geräusch. Sie drehte sich langsam um. Auf ihrem Schreibtisch saß das Pokémon.
Nina starrte es an. Es war dasselbe Plüschtier wie auf den Fotos. Der ausgebleichte Stoff, das leicht geknickte linke Ohr, die schwarzen Augen. Sie hatte es nicht mit nach Hause gebracht. „Was zum …“ Das Plüschtier neigte den Kopf. Ein leises Reißen war zu hören. Zwischen den aufplatzenden Stoffnähten schoben sich winzige, spitze Zähne hervor. Nina wich zurück und stieß mit dem Rücken gegen die Wand.
Das Pokémon öffnete den Mund. „Jetzt liebt es dich“, sagte eine Frauenstimme.
Nina riss die Wohnungstür auf und rannte hinaus. Erst auf der Straße blieb sie stehen. Mit zitternden Fingern zog sie ihr Handy aus der Tasche und wählte die Polizei. Was sollte sie ihnen erzählen? Dass ein Stofftier gesprochen hatte? Sie legte auf, bevor jemand antwortete.
Als sie eine Stunde später mit ihrer Nachbarin zurückkehrte, war das Plüschtier verschwunden. Die Nachbarin betrachtete die Fotos auf dem Laptop. „Vielleicht hat dir jemand einen Streich gespielt.“ Nina sagte nichts.
Am nächsten Morgen brachte sie die Festplatte zurück zum Flohmarkt. Der Verkäufer war nicht da. Niemand kannte einen älteren Mann mit einer Lederjacke. Zu Hause löschte sie die Bilder und formatierte die Festplatte.
Am Abend fand sie einen neuen Ordner auf ihrem Laptop. Er hieß „Romanze“. Darin lag ein einziges Foto. Es zeigte Nina, wie sie schlafend in ihrem Bett lag. Neben ihrem Kopf saß das Pokémon.
Unter dem Bild stand:
Tag eins.
