Lyrielle – Zwischen Sand und Stimmen

Der Wind strich leise über die Dünen, kaum mehr als ein Atem, der den Sand in feinen Linien neu ordnete. Lyrielle saß still, die Beine unter sich gezogen, und ließ den Blick in die Weite gleiten, als könnte sie dort etwas erkennen, das sich ihrem Verstand entzog.

Die Wüste war leer.
Und doch war sie es nicht.

Etwas lag in ihr, etwas, das nicht greifbar war, aber spürbar. Ein Flirren unter der Oberfläche der Stille, als würde die Welt selbst den Atem anhalten.

Tul’vrak.

Der Name tauchte in ihr auf, ohne dass sie ihn gerufen hätte.
Er war da.
Immer wieder.

Lyrielle schloss für einen Moment die Augen. Bilder zuckten auf – bruchstückhaft, fremd. Formen, die sich ineinander schoben, als gehörten sie nicht in diese Wirklichkeit. Stimmen, die keine Worte trugen und doch etwas verlangten.

Sie verstand sie nicht.

Das war es, was sie am meisten beunruhigte.

Es war kein klares Sehen, keine Vision, die sich greifen ließ. Kein Anfang, kein Ende. Nur Fragmente. Nur dieses Gefühl, dass etwas auf sie wartete – oder sich durch sie hindurch bewegte.

Ihre Finger schlossen sich fester um den Stoff ihrer Kleidung. Der Sand unter ihr war noch warm von der Sonne, real, verlässlich. Ein Anker in etwas, das sich immer weiter entzog.

„Was willst du von mir…?“

Die Worte waren kaum mehr als ein Hauch.

Keine Antwort.

Nur die Weite.

Und dieses leise Ziehen in ihr, als würde etwas in der Ferne ihren Namen kennen.

Lyrielle öffnete die Augen wieder. Der Horizont lag ruhig vor ihr, die Linien der Dünen weich und endlos, und doch hatte sich etwas verändert.

Nicht draußen.

In ihr.

Tul’vrak war kein Gedanke mehr.
Er war eine Spur.

Und sie wusste, dass sie ihr folgen würde – auch wenn sie noch nicht verstand, wohin sie führte.


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