Die Chroniken von Qerashim

LESEPROBE AUS IM SCHATTEN DER APOKALYPSE II

– MEGAVOID – WAHRHEITEN IM ABGRUND

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Die Luft im Durchgang fühlte sich an, als beträte man die Erinnerung eines Körpers. Kühl, feucht und schwer lag sie auf der Haut, ein feiner Film aus altem Staub löste sich bei jedem Schritt und sank lautlos zurück. Hinter ihnen brach das Licht der Wüste ab, verschluckt von der Enge, und nur der Kristallsplitter in Louis’ Hand gab noch Halt. Sein Schein reichte wenige Schritte weit, dahinter blieb alles dunkel. Der Gang war schmal, die Wände glatt, fast zu glatt, ohne Bruch, ohne jede Spur von Werkzeug. Lyrielle strich mit den Fingerspitzen darüber, hielt einen Moment inne, als hätte sie etwas gespürt, das sich nicht greifen ließ. „Der Fels erinnert“, hauchte sie, während Liliths Blick über die Oberfläche glitt, Linien suchte, die sich nur andeuteten. „Qerashim merkt sich alles“, sagte sie leise. „Auch das, was nie gesprochen wurde.“ Coran folgte dicht hinter ihr, seine Schritte kontrolliert, seine Aufmerksamkeit gespannt, der Kopf leicht geneigt, als lausche er nicht nur dem Raum, sondern etwas darunter, und für einen Augenblick hielt er den Atem an, als hätte er ein Echo gehört, das nicht zu ihnen gehörte. Lucifer blieb seitlich hinter Louis, nah genug, um jede Bewegung zu sehen, seine Finger bewegten sich kaum sichtbar, ein alter Reflex. „Keine Kratzer“, murmelte er. „Nichts hat versucht, hier herauszukommen.“ Ashur ging zuletzt, in ruhigem Abstand, jeder seiner Schritte setzte bewusst auf, als prüfe er den Boden. „Dieser Ort ist alt“, sagte er gedämpft, ließ eine kurze Pause, „älter als die Hallen des Himmels“, und sein Blick ruhte einen Moment zu lange auf den Wänden. „Und er sieht uns.“

Der Gang öffnete sich langsam, kein wirklicher Übergang, eher ein Nachgeben des Raumes, und vor ihnen lag eine Halle, gewachsen aus Stein, getragen von gewundenen Säulen, die aus dem Boden selbst aufstiegen. Ihre Oberflächen waren von Mustern durchzogen, fließend, schwer zu fassen, während sich dazwischen feine, helle Linien durch das Gestein zogen, wie alte Narben. Die Luft wurde kälter, ein metallischer Geschmack legte sich auf die Zunge, und der Boden lag glatt vor ihnen, fast spiegelnd, zu glatt. Louis blieb stehen, sein Blick senkte sich, suchte nach einer Spur, nach einem Zeichen von Bewegung, doch es gab nichts, keinen Abrieb, keinen Hinweis darauf, dass hier je jemand gegangen war. Vor ihnen erhob sich ein niedriges Plateau, weniger gebaut als verdichtet, als hätte der Stein selbst beschlossen, diese Form anzunehmen, und darauf lagen vier schwere Platten, dunkel und ruhig, als hätten sie sich selbst hier abgelegt. Ashur trat neben ihn, seine Hand spannte sich für einen Moment, kaum sichtbar. „Das sind sie“, sagte er leise. „Die Chroniken von Qerashim.“ Lilith machte einen Schritt nach vorn, ihre Finger hielten knapp über der Oberfläche inne, ohne sie zu berühren, und etwas in ihrem Blick veränderte sich, wurde weicher und zugleich schärfer. „Diese Tafeln haben etwas gesehen, das vor uns lag“, murmelte sie. „Sie tragen Linien, die nie ausgesprochen wurden.“ Lyrielle trat neben Louis, ihr Atem hob sich etwas schneller, feine Schleier zeichneten sich in der kühlen Luft ab. „Es fühlt sich an, als hätten sie auf uns gewartet“, flüsterte sie.

Louis zögerte einen Herzschlag zu lang. Etwas an der Stille passte nicht, sie war zu vollständig, kein Tropfen, kein leises Arbeiten des Steins, als hätte der Raum sich entschieden, still zu sein. Dann legte er die Hand auf die erste Tafel. Der Kristall reagierte sofort, ein kaum merklicher Druck legte sich um sein Handgelenk und zog sich langsam den Arm hinauf, warm, ohne Schmerz, eher ein Puls, der nicht von ihm kam. Sein Atem stockte kurz. Lucifer beobachtete ihn genau. „Der Stein erkennt dich“, sagte er ruhig. „Er akzeptiert uns.“ Coran senkte den Kopf ein wenig, als wolle er das Gewicht des Moments ausgleichen. „Was, wenn er mehr will als Anwesenheit“, flüsterte er. Ashurs Hand legte sich fest auf seine Schulter, seine Stimme blieb ruhig, doch sein Blick wich nicht von den Tafeln. „Qerashim verlangt nichts. Es offenbart.“ Louis spürte, wie der Druck in seiner Brust zunahm, nicht unangenehm, aber fremd, und für einen Moment wollte er die Hand zurückziehen. Er tat es nicht. „Dann beginnen wir“, sagte er leise. Der Raum reagierte nicht. Und genau das ließ ihn nicht los.

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Was würdest du tun, wenn der Stein dich erkennt?

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