BONUSGESCHICHTE
Der Nebel lag schwer über dem Nebelbruch. Seit dem frühen Morgen hatte er sich zwischen die Bäume geschoben und war schließlich bis an die Fadenklause gekrochen. Feine Tropfen hingen an den Gräsern vor der Tür, und irgendwo draußen im Moor rief ein Vogel, den Elira nicht sehen konnte. Sie saß am Webstuhl, als es klopfte. Nicht laut. Eher so, als wäre sich jemand nicht sicher, ob er wirklich eintreten wollte. Elira ließ den Faden zwischen ihren Fingern ruhen. „Die Tür ist offen.“
Eine ältere Frau trat ein. Sie trug einen dunklen Mantel, dessen Saum feucht vom Nebel war, und blieb dicht hinter der Schwelle stehen. „Bist du Elira?“ Elira musterte sie kurz. „Kommt darauf an, wer fragt.“ Die Frau blinzelte, und Elira seufzte. „Ja. Bin ich.“ Sie deutete auf den Stuhl gegenüber dem Webstuhl, doch die Frau setzte sich nicht. Ihr Blick wanderte durch die Fadenklause, über die Regale mit den Garnen und blieb schließlich am Webstuhl hängen. „Man sagt, du webst Tücher.“ „Das tun Weberinnen gelegentlich.“ Für einen Moment glaubte Elira, die Frau würde wieder gehen. Doch dann zuckte es um deren Mund. „Man hat mir gesagt, du seist eigen.“ „Das sagt man mir häufiger.“
Diesmal lächelte die Frau tatsächlich. Gut, dachte Elira. Das war immerhin ein Anfang. „Ich heiße Samira.“ Elira nickte. „Und für wen soll ich weben?“ Das Lächeln verschwand. „Für meinen Sohn.“ Jetzt setzte Samira sich.
Elira wartete. Sie hatte früh gelernt, dass es wenig brachte, Menschen mit Fragen zu bedrängen. Meist erzählten sie von selbst, wenn man ihnen Zeit ließ. „Er hieß Luan“, sagte Samira schließlich. „Vor sieben Wintern ist er in den Krieg gezogen.“ „Wie alt war er?“ „Vierundzwanzig.“ Elira sah zu ihr hinüber. „Und er kam nicht zurück?“ Samira schüttelte den Kopf. Ihre Hände lagen ineinander verschränkt auf ihrem Schoß. „Damals dachten wir noch, der Krieg wäre weit genug entfernt. Wir hörten davon, natürlich. Die Händler erzählten, dass im Norden Dörfer niedergebrannt worden waren. Irgendwann kamen die ersten Menschen über die Straße. Familien mit Kindern, manchmal mit einem Karren, manchmal nur mit dem, was sie tragen konnten.“
Luan hatte begonnen, ihnen zu helfen. Er brachte Wasser, reparierte Räder und half dabei, einen Wagen aus dem Schlamm zu ziehen. Einem Mann, dessen Schuhe nur noch aus zusammengebundenen Lederstücken bestanden, gab er seine alten Stiefel. „Das war Luan“, sagte Samira. „Er konnte schlecht wegsehen.“ Zunächst hatte sie sich nichts dabei gedacht. Aber er blieb immer häufiger bis zum Abend im Dorf. Wenn er nach Hause kam, aß er schweigend und ging früh schlafen. Manchmal saß er noch lange am Tisch und starrte vor sich hin. „Ich habe ihn gefragt, was los ist. Er sagte immer nur, es sei nichts.“ Elira zog eine Augenbraue hoch. „Und Ihr habt ihm geglaubt?“ „Natürlich nicht.“
Einige Tage später hatte Luan angefangen, das Haus auszubessern. Er befestigte den Fensterladen, der seit Monaten schief in den Angeln hing, reparierte die Bank vor dem Haus und stieg auf das Dach des Holzschuppens, weil es dort hineinregnete. „Wegen dieser verdammten Tür zur Vorratskammer hatte ich ihn zwei Jahre lang genervt. Plötzlich reparierte er sogar die.“ Elira musste lächeln. „Da habt Ihr gewusst, dass er gehen will.“ Samira zog die Schultern hoch. „Vielleicht. Ich wollte es nicht wissen.“
Am Tag vor seiner Abreise hackte Luan Holz. Viel zu viel. Als Samira ihn fragte, warum er einen halben Wald vor ihrem Haus aufstapelte, hatte er nur gelacht und gesagt, sie könne sich dann wenigstens nicht darüber beschweren, im Winter frieren zu müssen. Am Abend saßen sie vor dem Haus. Es war kühl geworden, und Luan trug bereits seinen dicken Mantel. Samira wusste, dass sein Bündel gepackt in seinem Zimmer lag. Trotzdem sprachen sie über das Dach. „Er erklärte mir, welche Balken im Frühjahr ausgetauscht werden mussten und wo er sein Werkzeug hingelegt hatte. Als würde er am nächsten Tag ins Nachbardorf gehen und am Abend wieder vor der Tür stehen.“ „Vielleicht war es leichter, über das Dach zu sprechen.“ Samira sah auf ihre Hände. „Für ihn vielleicht.“ Nach einem Moment fügte sie hinzu: „Für mich auch.“
Sie hatte Luan irgendwann gefragt, ob er Angst habe. Er verneinte so schnell, dass sie beinahe gelacht hätte. „Natürlich hatte er Angst. Ich kannte ihn doch.“ In dieser Nacht konnte Samira nicht schlafen. Durch die Wand hörte sie seine Schritte. Luan lief in seinem Zimmer hin und her. Eine ganze Weile. Dann war es still, kurz darauf begann es wieder. „Ich hätte zu ihm gehen sollen.“ Elira sagte nichts. Samira rieb sich über die Hände. „Ich habe mehrmals daran gedacht. Ich hätte nur aufstehen und seine Tür öffnen müssen. Aber ich blieb liegen. Bis heute weiß ich nicht, warum.“
Am nächsten Morgen stand Luan mit seinem Bündel an der Tür. Samira hatte sich vorgenommen, ihm vieles zu sagen. Dass er vorsichtig sein sollte. Dass er nicht den Helden spielen musste. Dass er jederzeit umkehren durfte. Am liebsten hätte sie ihm das Bündel aus der Hand genommen und ihn überhaupt nicht gehen lassen. Stattdessen hatte sie gefragt: „Hast du genug Brot dabei?“ Samira lächelte bei der Erinnerung. „Da fing er an zu lachen. Er sagte: ‚Mutter, ich verstecke schon lange kein Brot mehr in meinen Taschen.‘“
Eliras Blick fiel auf die leere Holzschale neben dem Webstuhl. „Als Kind hat er Brot versteckt?“ „Überall. In seinen Taschen, unter seinem Bett, einmal sogar in seinen Stiefeln. Ich fand ständig irgendwo harte Brotstücke.“ „Warum?“ Samira strich über ihren Rock. „Er hatte als kleiner Junge einen Winter erlebt, in dem wir kaum genug zu essen hatten. Danach glaubte er lange, das könne jederzeit wieder passieren.“
Elira stand auf, ging zu den Garnen und zog einen warmen braunen Faden heraus. Sie legte ihn in die Schale. „Dann gehört das hinein.“ Samira strich darüber. „Ausgerechnet das?“ „Ihr habt gerade zum ersten Mal gelächelt, seit Ihr hier seid.“ Samira zog ihre Hand zurück, widersprach aber nicht. „Dann hat Luan mich umarmt und gesagt, dass er zurückkommt.“ Ihr Blick ging zum Fenster. „Ich habe ihm geglaubt.“
Dreimal erhielt sie Nachricht von ihm. Der erste Brief kam zwölf Tage später. Luan beschwerte sich über das Essen und schrieb, Samira dürfe niemals erfahren, dass er inzwischen sogar ihren Eintopf vermisse. Sie hatte beim Lesen laut gelacht. Der zweite Brief kam einige Wochen später. Sie waren weiter nach Norden gezogen. Er schrieb wenig darüber, was dort geschah. Stattdessen wollte er wissen, ob der Fensterladen hielt und ob sie das Holz ordentlich abdeckte. Der dritte Brief war kurz. „Er schrieb, dass es ihm gut gehe.“ Samira schwieg. Elira wartete einen Moment. „Mehr nicht?“ „Doch. Er schrieb noch, ich solle mir keine Sorgen machen.“ Ihre Finger schlossen sich fester umeinander. „Da wusste ich, dass etwas nicht stimmte.“
Danach kam kein Brief mehr. Samira wartete auf den nächsten Boten, dann auf die Männer, die aus dem Norden zurückkehrten. Sie fragte jeden, der Luan gekannt haben könnte. Einer erinnerte sich an ihn, wusste aber nicht, wohin seine Einheit danach geschickt worden war. Ein anderer glaubte, ihn einige Tage später noch gesehen zu haben. Sicher war er sich nicht. Schließlich stand Luans Name auf einer Liste. Vermisst. Nicht gefallen. Nicht tot. Vermisst.
„Sieben Winter“, sagte Samira. „Und jedes Mal, wenn jemand an meine Tür klopft, denke ich zuerst an ihn. Nur für einen Moment. Danach weiß ich natürlich, dass er es nicht ist.“ Elira betrachtete sie eine Weile. „Deshalb seid Ihr hier.“ Samira nickte. „Ich möchte nicht mehr warten.“ Sie strich mit dem Daumen über ihre Handfläche. „Aber ich will ihn auch nicht verlieren.“
Elira zog die Holzschale näher zu Samira. Der braune Faden lag allein darin. „Dann brauchen wir mehr.“ Samira sah sie fragend an. „Mehr?“ „Ein Faden ist noch kein Tuch.“ Samira betrachtete die Garne im Regal. „Woher soll ich wissen, was hineinmuss?“ „Das müsst Ihr nicht. Erzählt mir von ihm.“
Samira dachte nach. „Er konnte an keinem Hund vorbeigehen, ohne ihn zu begrüßen. Selbst wenn wir es eilig hatten.“ Elira wählte einen hellen Faden und legte ihn neben den braunen. „Einmal hat er eine Krähe mit nach Hause gebracht. Der Flügel war verletzt. Das Tier hat drei Wochen bei uns gelebt und mir beinahe die halbe Küche zerlegt.“ Ein dunkler Faden kam hinzu. Samira überlegte weiter. „Er war schrecklich ungeduldig.“ Elira griff nach Rot. „Rot?“ „Ihr habt schrecklich gesagt.“ Samira schnaubte. „So schrecklich war es nun auch wieder nicht.“ Elira legte den roten Faden trotzdem in die Schale, und Samira lachte.
Danach fiel ihr das Erzählen leichter. Sie sprach von Luan beim Angeln, wenn ausgerechnet der ungeduldigste Mensch, den sie kannte, stundenlang schweigend am Wasser sitzen konnte. Von einem Krug, den er als Junge zerbrochen und dessen Scherben er unter einem Schrank versteckt hatte. Von seiner Angewohnheit, selbst im Winter bei offenem Fenster zu schlafen. Von seinem Lachen, das so laut gewesen war, dass Samira manchmal schon im Garten gehört hatte, wenn er im Haus über etwas lachte. Mit jeder Erinnerung kam ein Faden hinzu.
Erst als draußen das Licht schwächer wurde, begann Elira zu weben. Samira saß neben ihr und sah zu, wie die Farben ineinandergriffen. Elira arbeitete langsam. Nicht jede Erinnerung brauchte gleich viel Raum. Manche bestanden nur aus einer schmalen Linie, andere kehrten im Muster wieder. Es entstand kein Bild von Luan. Kein Gesicht, keine Gestalt. Wer das Tuch sah, würde nicht wissen, was die einzelnen Farben bedeuteten. Samira wusste es.
Nach einer Weile hielt Elira inne. Etwas stimmte nicht. Sie führte einen weiteren Faden durch die Kette, zog ihn an und löste ihn wieder. Das Muster verzog sich an derselben Stelle. „Da fehlt etwas.“ Samira blickte auf das Tuch. „Was?“ „Das kann ich Euch nicht sagen.“ Elira probierte einen anderen Faden. Wieder dasselbe. In der Mitte des Gewebes blieb eine schmale Stelle offen. „Samira.“ „Nein.“ Elira sah auf. „Ich habe noch gar nichts gefragt.“ „Aber du wirst.“
Elira nahm die Hände vom Webstuhl. „Das Tuch lässt sich nicht schließen.“ Samira starrte auf die offene Stelle. „Dann bleibt es eben so.“ „Das kann es.“ Jetzt sah Samira sie an. „Du würdest es mir so geben?“ „Es ist Euer Tuch.“
Draußen hatte der Wind aufgefrischt. Ein Zweig strich über das Dach der Fadenklause. Samira sah wieder auf die schmale Lücke. „Was geschieht, wenn es offen bleibt?“ „Nichts.“ „Gar nichts?“ Elira schüttelte den Kopf. „Ihr könnt es mitnehmen. Ihr könnt es tragen. Es wird sich nicht auflösen, falls Ihr das meint.“ Samira fuhr mit einem Finger an der offenen Stelle entlang. „Aber ich werde sie jedes Mal sehen.“ „Ja.“
Eine Weile saß sie still. Dann stand sie auf und ging zu den Regalen. Ihre Finger glitten über die Garne. Blau, Grau, Rot. Schließlich nahm sie einen schlichten weißen Faden heraus. „Am Morgen seiner Abreise hat er gesagt, dass er zurückkommt.“ Elira wartete. „Sieben Jahre lang habe ich an diesem Satz festgehalten. Anfangs war ich sicher, dass er recht behalten würde. Später habe ich mich gefragt, warum er mir das versprochen hat.“ Samira drehte den weißen Faden zwischen den Fingern. „Irgendwann war ich wütend auf ihn.“
„Weil er nicht zurückkam?“
„Weil er es gesagt hat.“
Samira reichte ihr den Faden. Elira nahm ihn, legte ihn aber noch nicht in das Gewebe. „Vielleicht war es kein Versprechen.“ Samira runzelte die Stirn. „Was sonst?“ Elira strich den Faden zwischen Daumen und Zeigefinger glatt. „Vielleicht wollte er selbst daran glauben.“
Samira senkte den Blick auf das Tuch. Lange sagte sie nichts. Dann nickte sie.
Elira setzte den weißen Faden an. Er glitt durch die Kette. Sie führte ihn zurück, zog ihn fest und arbeitete weiter. Die offene Stelle wurde schmaler, bis der weiße Faden die Farben auf beiden Seiten miteinander verband. Diesmal verzog sich nichts.
Als Elira das Tuch vom Webstuhl nahm, war es draußen fast dunkel. Samira strich über das Gewebe. Über Braun und Rot, Silber und Blau, über die dunklen Fäden und schließlich über den weißen Streifen in der Mitte. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Elira blieb neben ihr sitzen.
Nach einer Weile legte Samira sich das Tuch um die Schultern. „Ist er jetzt darin?“ Elira schüttelte den Kopf. „Nein.“ Samira strich noch einmal über den weißen Faden. „Gut.“ Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Wange. „Er hätte es gehasst, in einem Tuch festzusitzen.“ Elira lachte. „Nach allem, was Ihr mir erzählt habt, vermutlich.“
Samira stand auf. An der Tür blieb sie noch einmal stehen und zog das Tuch enger um die Schultern. „Ich weiß nicht, ob ich morgen noch an die Tür sehen werde, wenn jemand klopft.“ „Wahrscheinlich.“ Samira verzog den Mund. „Du bist wirklich nicht besonders gut darin, Menschen zu beruhigen.“ „Das hat auch niemand behauptet.“
Diesmal lachte Samira richtig. Dann öffnete sie die Tür und trat hinaus. Elira folgte ihr bis vor die Fadenklause. Der Nebel lag noch immer über dem Nebelbruch, dünner als am Morgen, aber dicht genug, dass Samira schon nach wenigen Schritten zwischen den Bäumen verschwamm. Elira blieb stehen, bis auch das letzte Stück ihres dunklen Mantels nicht mehr zu sehen war.
Als sie wieder hineinging, fiel ihr Blick auf den Webstuhl. Ein kurzes Stück des weißen Garns war übrig geblieben. Sie nahm es zwischen die Finger, wickelte es auf und legte es zu den anderen Resten. Dann setzte sie sich an den Webstuhl.