Die Chroniken einer Seelenweberin

„Chroniken einer Seelenweberin“ ist ein poetisch-atmosphärischer Roman von stiller Tiefe. In fließender, bildreicher Sprache erzählt er von Erinnerung, Verlust und der leisen Magie eines zerrissenen Gewebes. Keine Effekte, kein Lärm – nur ein leises Weben, das berührt, wo Worte oft enden.

Leseprobe aus dem Buch

„DIE CHRONIKEN EINER SEELENWEBERIN“

Die Halle der Fäden

Elira trat ein und wusste im selben Augenblick: Dies war eine Werkstatt. Der große Webstuhl in der Mitte, dunkel vom Alter, doch fest in seiner Gestalt. Die Reste der Fäden, grau, verstaubt, von Spinnenweben durchzogen, erzählten von Händen, die einst Muster geschaffen hatten. An den Wänden reihten sich Bänke mit Garnrollen, Stoffresten, deren Farben längst ins Erdige verfallen waren. Körbe lagen zerstreut am Boden, manche geplatzt, ihre Fäden ergossen sich wie Ströme, verloren im Vergessen. Muster, die keine mehr waren, Linien, die nirgendwohin führten. Zwischen den Balken hingen Ranken, das Mondlicht brach sich in ihnen, ließ Staub glitzern wie in einem Netz.

Sie setzte den Fuß auf den Steinboden, barfuß spürte sie die Kühle, die durch sie hindurchzog, als würde der Raum selbst sie begrüßen. Jeder Schritt hallte, einsam, klar, als wäre er der letzte Herzschlag, den die Wände noch kannten.

Da lag die Stimme plötzlich klarer in der Luft, nah, so nah, als würde sie gleich aus den Schatten treten. Elira hielt den Atem an, ihr Herz raste. Im Schimmer des Staubs formte sich eine Gestalt, zunächst nur ein Umriss, flüchtig, schwebend wie eine Erinnerung. Doch die Linien wurden fester, bis sie wusste, dass sie nicht mehr träumte. Es war Irith.

Ihr Haar fiel wie damals, tiefschwarz, mit einem kaum wahrnehmbaren Schimmer von Blau, als hätte der Himmel selbst ein Stück seiner Farbe darin hinterlassen. Die Strähnen lagen lose über den Schultern, manche fielen ins Gesicht, halb durchscheinend, halb greifbar. Nichts daran war verändert, kein Zug fremd. Elira sah ihre Schwester, wie sie am Tag des Ringbruchs verschwunden war. Das Kleid hatte ein dunkles Violett, von Grau durchzogen, als wäre es aus Schatten gewebt. Der Stoff wirkte schwer, an den Säumen jedoch fransig, als lösten sich dort die Fäden bereits in das Zwielicht auf. Bei jeder Bewegung zitterte der Saum, zerfaserte beinahe, schloss sich im nächsten Augenblick wieder.

Ihre Augen waren klar wie Wasser, grau mit Sprenkeln Grün. Sie ruhten fest auf Elira, voller Wärme, mit einer Nähe, die beinahe schmerzte. Hinter dem Glanz lag Ferne, etwas, das ihr Wesen schon halb aus der Welt genommen hatte. Ihr Mund war weich gezeichnet, mit jenem stillen Lächeln, das Elira kannte, getragen von einer leisen Melancholie, wie eine Antwort auf ungestellte Fragen. Ihre Hände waren feingliedrig, vertraut, doch jeder Atemzug ließ sie schwanken, als wären sie zugleich aus Fleisch und Licht.

Elira streckte die Hand aus, fast glaubte sie, ihre Schwester erreichen zu können, griff jedoch ins Leere. Kälte fuhr ihr durch die Finger, feucht, fremd, als hätte sie Nebel gefasst, nichts von Leben. Ihr Herz stolperte, ein Schlag zu schnell, der nächste nahm ihr den Atem. Ein Keuchen löste sich von ihren Lippen. Kurz lag Wärme in Iriths Gesicht, etwas Vertrautes, das Hoffnung nährte, doch es brach weg. Das Lächeln zog sich zu einem schmalen Strich, spitz, scharf, ein Schatten von Spott, der im Zwielicht aufblitzte wie ein Messer ohne Hand.

„Du warst dort“, flüsterte Irith. Die Worte hallten durch den Raum, als hätten die alten Balken sie aufgenommen. „Beim Ringbruch. Du standest im Schatten. Ich habe dich gesehen, wie alle dich gesehen haben. Du hast gespürt, wie die Linien bebten, gehört, wie die Stimmen nach Entscheidung schrien, doch du hast geschwiegen. Kein Wort, kein Schritt, nur deine Augen, die alles sahen, nichts gaben.“

Elira hörte die Worte, fühlte, wie sie in ihr nachhallten, wie sie ihr Brustbein trafen. Bilder stiegen auf: das Aufbrechen der Muster, Linien, die flackerten wie Glut im Wind, das Dröhnen der Stimmen, die forderten, sich ineinander verstrickten, der Augenblick, in dem Welten gegeneinanderprallten. Sie selbst stand am Rand, unfähig, die Hand auszustrecken, unfähig, einen Schritt zu gehen, gefangen in einer Stille, die sie nicht lösen konnte.

Iriths Augen schimmerten kalt, als könnten sie die Erinnerung noch einmal ins Leben reißen. „Dein Schweigen hat Raum geschaffen. Es war nicht allein entscheidend, doch genug, dass die Gier ihren Weg fand, dass die Herren Aendoras ihre Finger in das Gewebe legten, bis der Krieg darin Wurzeln schlug. Du warst keine Zeugin, Elira. Du warst Teil der Schuld.“

Ein fernes Scharren füllte die Werkstatt, als ob Fäden unsichtbar über Holz glitten. Der Webstuhl knarrte, spannte sich an, ließ wieder los, als bemühten sich Hände, längst vergangen, um ein Muster, das doch im Nichts zerfallen musste. Elira griff nach der Bank neben sich, ihre Knie wollten nicht mehr tragen. Die Hand krallte sich ins kalte Holz, Splitter bohrten sich in die Haut. Sie wollte sprechen, den Vorwurf abwehren, doch die Kehle war trocken. Nur ein Hauch löste sich. „Irith… ich wollte…“

„Wollen“, schnitt ihre Schwester sie ab, die Stimme kaum hörbar, doch sie brannte. „Du wolltest immer, hast aber nie gehandelt. Dein Zögern brachte Aendora den Hunger. Dein Schweigen ebnete dem Blut den Weg.“

Sie kam näher, so dicht, dass Elira den Atem ihrer Worte im Gesicht spürte, kalt wie Tau im Morgengrau. Das Lächeln veränderte sich, schmal, spöttisch, ein Schnitt mehr als ein Trost. „Jetzt glaubst du, mit deinem Weben etwas zu retten. Dass der Dunkle Weber dir ein anderes Ende schenkt. Täusch dich nicht, Schwester.“ Die Worte fielen leise, beinahe zärtlich, doch sie legten sich in Eliras Herz wie Gift, das sich nicht vertreiben ließ. „Er wird dich nicht retten. Niemand wird das. Du bist nichts anderes als die, die zu spät kam, zu schwach blieb.“

Elira sog Luft ein, fühlte, wie sie kaum bis in die Lunge reichte. Der Brustkorb zog sich zusammen, als legte sich ein unsichtbares Band um sie. Die Hände krampften fester ins Holz, die Nägel scharrten über die Bank, ein Geräusch, das in der lautlosen Werkstatt wie ein Schrei klang. Sie wollte sprechen, doch alles in ihr blieb wie gefesselt. Der Raum war erfüllt von Iriths Stimme, vom Knarren der Fäden, von einem Tropfen, der von der Decke auf den Stein fiel, regelmäßig, unnachgiebig, als schlüge er die Zeit selbst in ihr Herz.

Tränen traten in ihre Augen, brannten, während der Rest ihres Körpers fror. Sie wollte schreien, doch kein Laut kam. Nur ein Zittern lief über ihre Lippen, als könnte selbst der Versuch, zu sprechen, zerbrechen. Ein Teil von ihr sank tiefer in die Schuld.

Doch unter dem Gewicht regte sich etwas anderes, etwas, das sich sträubte. Ein Faden, kaum spürbar, zog an ihr. Sie war schwach gewesen, ja. Aber war das alles, was sie war? Konnte eine ganze Welt nur auf ihrem Schweigen lasten? Die Gedanken stießen sich ab wie Funken, die im Regen verglimmen, doch sie waren da, sie brannten.

Elira hob den Kopf. Ihre Augen waren feucht, der Blick flackerte, doch sie sah Irith an. „Ich habe versagt“, brachte sie hervor, rau, kaum hörbar, „doch nicht alles in mir ist zerbrochen. Ich trage, ja. Aber das heißt nicht, dass ich nichts ändern kann.“

Iriths Gestalt zuckte, als hätten die Worte die Fäden kurz gelockert. Dann legte sich wieder dieser spöttische Zug um ihren Mund. „Ändern?“ Ihre Stimme glitt durch den Raum wie kaltes Wasser. „Schwester, du kannst nichts ändern. Du bist ein Faden im Muster, das längst entschieden ist. Dein Wille hat kein Gewicht, nur Füllung. Du bist schwächer, als du je begreifen wirst.“

Elira senkte den Blick, die Schultern bebten. Schuld und Trotz rangen in ihr wie zwei Stimmen, die einander im Dunkel zerreißen wollten. Der Webstuhl knarrte erneut, ein einzelner Faden spannte sich, riss, fiel in die Stille zurück. Iriths Augen glommen kalt, ihre Gestalt flackerte.

„Du glaubst, es gibt noch Zeit, Schwester. Du glaubst, du könntest tragen, bis das Gewebe wieder Halt findet. Doch hör mich gut: Dein Weben wird nicht heilen, es wird nur hinauszögern. Jedes Band, das du schließt, wird reißen, härter als zuvor. Wenn der Dunkle Weber dich sieht, wird er nichts finden, was stark genug wäre, ihn aufzuhalten. Dein Herz wird sein erster Schnitt sein.“

Ein Laut ging durch die Werkstatt, nicht von Elira, nicht von Irith, sondern vom Webstuhl selbst. Ein Faden spannte sich, straff, vibrierend, dann riss er mit einem dumpfen Schlag, der wie ein Herzschlag durch die Stille jagte. Staub regnete herab, Elira zuckte zusammen, die Hände fest im Holz verkrallt. Irith richtete sich auf, schimmernd, brüchig. Doch die Worte blieben, scharf wie Splitter im Fleisch.

„Du warst zu spät, zu schwach. Wenn es endet, wirst du nichts sein als die, die das Muster getragen hat, damit andere es zerreißen konnten.“

Elira schloss die Augen. Ein Zittern lief durch sie, so stark, dass sie kaum noch Atem fand. Sie wollte weinen, schreien, doch alles, was blieb, war Stille, das Knarren der alten Balken, das Flüstern der Fäden, die sich auflösten wie Asche im Mondlicht.

Durch die Mauern sickerte ein Laut, gedämpft, nah zugleich. Schritte, schwerer Atem, dann Stimmen, die sie kannte. Brin, aufgeregt, flüsternd, als fürchte er das Schweigen zu stören. Vaen Dahr, tiefer, geduldig, doch von Anspannung getragen. Einen Herzschlag später öffnete sich die Tür, das Holz schob sich mit einem Ächzen in den Raum, beide traten ein.

Elira stand noch immer am Webstuhl, die Schultern hochgezogen, die Hände zitterten an der Bank. Brin stieß ein keuchendes Geräusch aus. „Bei allen Linien, Elira… was tust du hier, allein… wir dachten…“ Seine Hände ruderten fahrig in der Luft, als wüsste er nicht, ob er sie fassen oder sich bekreuzigen sollte.

Vaen Dahr schwieg. Sein Blick lag fest auf Elira, ernst, voller Sorge. Er ging langsam auf sie zu. Elira drehte den Kopf, ihre Augen glänzten feucht, Tränen zeichneten ihr Gesicht. Ein Schluchzen löste sich, schwach, brüchig. Vaen Dahr erreichte sie, legte die Arme um ihre Schultern, zog sie behutsam an sich. Sie ließ den Widerstand fahren, der Körper sackte gegen ihn. Er hielt sie, stark, ruhig. Ihr Atem ging stoßweise, wurde unter seinem Griff gleichmäßiger, tiefer, getragen von einer Kraft, die nicht drängte, sondern hielt.

Elira löste sich nur einen Atemzug aus seinem Arm, brachte mühsam hervor: „Ich… ich wusste nicht… sie war… ich konnte nicht…“

Brins Kopf fuhr hoch, die Worte sprangen ihm von den Lippen, rau, hastig. „Nicht gekonnt? Nicht gewollt, Elira! Solche Stimmen hört man nicht, man läuft davon, man bindet sie nicht an sich. Du hast uns in Gefahr gebracht, uns alle!“

Vaen Dahr richtete sich auf. Sein Blick legte sich schneidend auf Brin. Die Stimme war nicht laut, doch sie schnitt schärfer als jede Klinge. „Genug, Brin. Kein Wort mehr. Sie braucht keine Anklage, sondern Atem. Schweig.“

Brin biss die Lippen zusammen, die Augen funkelten einen Moment trotzig, dann sank sein Blick. Nur das Zittern seiner Finger verriet, dass der Groll noch nicht gewichen war.

Elira schloss die Augen, unfähig, noch ein Wort zu sagen, lehnte sich an Vaen Dahr, der sie ruhig festhielt. Gemeinsam traten sie hinaus in die Nacht. Elira stützte sich an ihn, ihre Schritte unsicher, getragen vom bleibenden Druck der Begegnung.

Der Wald, der eben noch reglos gewesen war, hatte sich verändert. Die Bäume rauschten leise, als striche wieder Wind durch ihre Kronen. Blätter bewegten sich, schimmerten im Mondlicht. Aus der Ferne rief eine Eule. Der Bach, der zuvor still gelegen hatte, murmelte wieder, das Wasser glitt über Steine, brach sich in silbernen Funken. Der Atem der Welt kehrte zurück, mit ihm ein Anflug von Wärme.

Schritt für Schritt folgten sie dem Pfad zurück zum Lager. Die Glut des Feuers war wieder erwacht, flackerte sanft, warf rote Schatten über die Erde. Elira ließ sich nieder, erschöpft, getragen von der Gewissheit, nicht mehr allein zu sein. Sie legte sich auf ihr Lager, der Körper schwer von der Begegnung, der Atem ruhig, das Zittern leiser.

Vaen Dahr setzte sich neben sie, zögerte kurz, dann legte er sich an ihre Seite, schlang den Arm um sie. Elira sank in die Nähe; zum ersten Mal seit Stunden lösten sich die Spannungen aus ihrem Körper. Die Lider fielen ihr zu, schwer, nicht vor Angst, sondern aus Erschöpfung.

Bevor der Schlaf sie ganz nahm, hob sie noch einmal den Kopf, die Stimme schwach, doch klar genug. „Danke… für alles…“

Vaen Dahr sah sie an, sein Gesicht ernst, voller Ruhe. „Schlaf, Elira. Morgen reden wir.“

Sie nickte, ließ die Augen zufallen, gab sich der Dunkelheit hin.

Brin, der etwas abseits am Feuer hockte, regte sich. Seine Finger umklammerten die Pergamente, doch er hob den Blick kurz zu den beiden. Für einen Atemzug lag etwas Bitteres darin, ein Funke aus Schuld, Zorn, bevor er die Augen abwandte. Er zog den Schal fester um den Hals, wandte sich zum Dunkel des Waldes und tat, als ginge ihn das leise Dankeswort nichts an.

Die Nacht legte sich über sie, nicht mehr still und tot, sondern atmend. Das Feuer knisterte, der Fluss murmelte, der Wind trug die Blätter. Elira schlief ein, gehalten von Vaen Dahrs Arm. Über ihnen spannte sich ein Himmel, der wieder Sterne trug.

✧✧✧ Der Faden reißt hier – aber die Chronik spinnt weiter.
👉 Entdecke das Buch auf Amazon

Leseprobe aus Apokalypse I – Ruinen der Hölle

Kapitel: Wo die Entscheidung schläftOrt: Ein Feldlager nahe der Ruinen Jerusalems – Louis’ Hauptquartier Kurz vor Mitternacht hielt die Welt den Atem an. Über den zerschundenen Zelten lag ein Wind, der keinen Sand trug, sondern Erinnerung – schwer, elektrisch, voller unausgesprochener Dinge. Selbst die Dämonen wagten nicht zu schlafen. Louis saß auf einem Felsen, das…

Lillith – die erste Frau die Nein sagte

Die erste Frau Adams, aus dem gleichen Staub geformt, nicht aus seiner Rippe. Sie wollte neben ihm stehen, nicht unter ihm liegen. Als Adam das nicht ertrug, ging sie. Kein Sturz, kein Fall – ein Schritt. Sie wählte Lucifer, nicht aus Liebe zum Dunkel, sondern weil er ihr Spiegel war: ein Wesen, das Nein sagte…

Ruinen der Hölle – Das Manuskript ist vollendet!

Die Arbeit an Ruinen der Hölle war mehr als eine Abfolge von Kapiteln. Es war eine Reise durch Lärm und Stille, durch Stimmen, die lange nur als Flüstern existierten. Szenen, die am Anfang nur schemenhaft waren, wurden zu Räumen mit Atem, zu Konstellationen von Schmerzen, Entscheidungen und Echo. Beim Schreiben haben Figuren Formen angenommen, die…

Eliras Welt

Ein Blick in die Welt von Chroniken einer Seelenweberin Es gibt Welten, die sich nicht durch Mauern ordnen lassen. Aendora ist eine davon.Hier verlaufen Grenzen nicht aus Stein, sondern in Atem, Erinnerung und Blut. Alles, was verbindet oder trennt, fließt unsichtbar durch die Linien – jene uralten Fäden, die Schicksal, Herkunft und Wahrheit miteinander verweben.…